Historie

Intervention in das kulturelle Gedächtnis der Region

Die Irritationen, die das neue Zentralgebäude auszulösen vermag, sind durchaus gewollt. Das Gebäude ist eine architektonische Intervention in den Universitätscampus und damit in das kulturelle Gedächtnis der Region Lüneburg. Der Campus der Leuphana ist eine ehemalige Kaserne, die in den Jahren 1935 und 1936 im Zuge der allgemeinen Aufrüstung errichtet wurde. Die „Konversion“ von Kaserne zur Universität wurde in den frühen 1990er Jahren vollzogen. Eine Kaserne in einen Universitätscampus umzuwandeln, nimmt die Leuphana und die Stadt Lüneburg in die historische Verantwortung, mit der deutschen Geschichte umzugehen.

Während Hitlers umjubelte Rede auf dem MTV-Platz am 20. Juli 1932 nur eine von vielen in Niedersachsen war und Himmler sich wohl deshalb am 23. Mai 1945 in der Uelzener Straße 31a in Lüneburg vergiftet hat, weil die Alliierten ihn in der Nähe von Lüneburg aufgriffen und an diesem Ort gegenüber dem Offizierskasino der Scharnhorst Kaserne verhörten, ist die Verwicklung dieser Kaserne in nationalsozialistische Kriegsverbrechen vor allem über ihre Verbindung mit der ID 110 historisch signifikant.

Das bauliche Erbe der Leuphana steht somit nicht nur für Uniformität, Hierarchie und Gehorsam, sondern auch für Vernichtung. Daher war es wichtig, dass das neue Zentralgebäude die Kasernenarchitektur nicht umwandelt, verdeckt oder ersetzt, sondern deren abweisende Strenge und Charakterlosigkeit hervorhebt. Je mehr Kontrast und Irritation, umso mehr kritische Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe und allgemein der deutschen Geschichte.

Die neuesten Forschungsergebnisse zur Rolle der Lüneburger Kasernen im dritten Reich sind dokumentiert in der Ausstellungsreihe “Hinterbühne” des Leuphana Kunstraums:

http://kunstraum.leuphana.de/veranstaltungen/hinterbuehne.html

Historische Fakten

Jüngste historische Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass das entscheidend Nationalsozialistische an Lüneburg nicht nur ihre Verwandlung in eine Gauhauptstadt war – Zentrum des Gaus Ost-Hannover – sondern auch die Militarisierung der Stadt. Der heutige Leuphana Campus an der Scharnhorststraße war eine von drei in den 1930er Jahren neu errichteten Kasernen in Lüneburg. In der Stadt waren alle Waffengattungen vertreten: Während die Artillerie in der älteren Lüner Kaserne angesiedelt wurde, die Kavallerie in der Schlieffen Kaserne und die Luftwaffe am Fliegerhorst (die heutige Theodor Körner Kaserne), waren in der Scharnhorst Kaserne Infanterieeinheiten aufgestellt, die zeitweise – wie beim Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 – auch als Luftlandetruppen eingesetzt wurden.

Das Nachvollziehen der Militärgeschichte Lüneburgs unter den Vorzeichen der Wehrmacht wird dadurch erschwert, dass es zahlreiche militärische Einheiten gab, die auch noch häufig ihre Namen wechselten. So hieß die Einheit, die vor dem Krieg als Teil der Bremer 22. Infanteriedievision aufgestellt wurde und im Oktober 1936 in die Scharnhorst Kaserne einzog, zunächst „Infanterie-Regiment 47“, tauchte später aber als „Grenadier-Regiment 47“ und als „Kampfgruppe Buse“ auf.

Aus der Luftwaffen-Einheit „Legion Condor“, eine völkerrechtswidrig aufgestellte Einheit, die für den Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg aufgebaut wurde und nicht zuletzt über die Bombardierung von Gernica am 26.4. 1937 in Erinnerung blieb, ging das in Lübeck-Blankensee und am neuen Lüneburger Fliegerhorst im Oktober 1937 stationierte „Kampfgeschwader 267“ hervor, das ab Mitte September 1939 als „Kampfgeschwader 26“ firmierte und auch als „Löwengeschwader“ bekannt wurde. Hier ergaben die am Kunstraum der Leuphana durchgeführten Recherchen, dass die am Fliegerhorst in Lüneburg stationierte II. Gruppe dieses Geschwaders nicht nur von Anfang an am Polenfeldzug teilnahm, sondern auch am 3. und 4. September 1939 die Lodz Stadt bombardierten, Geburtsort von Daniel Libeskind und Wohnort seines Vaters.

Eine Auswertung des digitalen Archivs der in Lüneburg angesiedelten Landeszeitung für die Lüneburger Heide (inkl. des Vorläufers Lüneburger Post) von 1945-2016 hat u.a. ergeben, dass seit dem Ende des zweiten Weltkriegs das Stichwort „Ozarichi“ (bzw. “Osaritschi” oder „Ozarici“) überaus selten auftaucht: jenseits von Anzeigen lediglich einmal in Form eines Hinweises der Alliierten in der von diesen kontrollierten Lüneburger Post im Jahre 1945 (allerdings ohne Nennung der beteiligten SS- und Wehrmachtseinheiten); zweimal in kritischen Leserbriefen gegenüber dem Gefallenendenkmal der ID 110 am Gralwall/Springintgut in Lüneburg; und einmal in Form eines knappen Artikels, der keine eigene Stellungnahme enthält, sondern nur die Position von VVN-BdA referiert.

Anders also als etwa in Karlsruhe, deren Infanteriedivision 35 gleichfalls maßgeblich an den Kriegsverbrechen von Ozarichi beteiligt war, erfolgte in der Region Lüneburg bislang so gut wie keine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Tatbestand.

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Kolja Seelenmeyer

Assistenz der Geschäftsführung